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13.10.26 09:36:16

Aus dem ETF Magazin:''Europa – ein Kontinent kommt zurück"

Günstige Bewertungen, gute Gewinne und eine breite Branchenstreuung sprechen jetzt für den europäischen Aktienmarkt – auch als Gegengewicht zur Dominanz der US-Tech-Titel. Uli Kühn nennt Gründe und passende ETFs.

15. Oktober 2026. MÜNCHEN (ETF Magazin). Europäische Aktien standen jahrelang nicht im Fokus. Jetzt lohnt der Blick", erklärt Joachim Schallmayer, Kapitalmarktstratege bei der DekaBank. Nach seiner Einschätzung bieten europäische Aktien aktuell ein überlegenes Risiko-Rendite-Potenzial – und eignen sich zudem hervorragend als Gegengewicht zum technologielastigen US-Aktienmarkt. Schallmayer ist mit seiner Einschätzung nicht allein. „Wir behalten unsere langfristig positive Einschätzung für Europa bei“, schreibt Vincent Mortier, Chefanleger (CIO) bei Amundi, in einem aktuellen Kommentar. Steigende Unternehmensgewinne und die Bemühungen um strategische Autonomie machten den europäischen Markt attraktiv. Der hoch bewertete und extrem konzentrierte US-Aktienmarkt gefällt Mortier dagegen weniger.

Einige haben das Potenzial bereits erkannt. „Nach der Durststrecke im Frühjahr kehrten im Juli und August wieder spürbar Mittel in ETFs mit europäischen Aktien zurück“, berichtet Claus Hecher von BNP Paribas Asset Management. Europa wandele sich vom Sorgenkind zum aktiv gesuchten Baustein einer breiteren regionalen Neuausrichtung. Knapp 400 ETFs stehen dafür zur Verfügung. Drei der besten werden unten präsentiert.

Vor allem drei Punkte sprechen jetzt für Investments in der Heimat

Erstens die Bewertung: Europäische Aktien kosten deutlich weniger als amerikanische, gemessen am erwarteten Gewinn. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 15 gibt es die Aktien im Stoxx 600 oder im MSCI Europe mit einem Abschlag von mehr als 30 Prozent auf die US-Schwergewichte.

Zweitens die Gewinne: Um beachtliche 24 Prozent stiegen die Unternehmensgewinne im zweiten Quartal (im breiten Stoxx 600 Index). Für das kommende Jahr rechnet Deka-Stratege Schallmayer mit zehn Prozent Gewinnwachstum. „Für steigende Aktienkurse braucht es deshalb nicht einmal höhere Bewertungen, das Gewinnwachstum allein reicht schon für ein Kursplus von knapp zehn Prozent“, erklärt er im Interview (siehe unten). 

Der richtige Mix. Ein dritter Vorteil kommt hinzu: Der europäische Aktienmarkt ist breit verteilt. Banken, Industrie, Pharma- und Energiekonzerne prägen ihn gemeinsam, keine einzelne Branche dominiert wirklich. Technologieaktien stellen in Europa weniger als 10 Prozent der Marktkapitalisierung. Der US-amerikanische Markt tickt anders: Dort kommt der Sektor auf ein Gewicht von fast 40 Prozent, und nur wenige riesige Technologiewerte geben den Ton an. Ähnliches gilt sogar für den  MSCI World Index.

Strukturell spricht ebenfalls einiges für Europa, erinnert Benjamin Jones, Leiter des globalen Researchs beim US-Fondshaus Invesco. Jahrzehntelang habe in der Weltwirtschaft vor allem Effizienz gezählt: knappe Lagerbestände, billige Energie, niedrige Verteidigungsausgaben. „Diese Ära geht zu Ende, an ihre Stelle tritt Resilienz – mehr Redundanz, mehr Sicherheit, mehr Unabhängigkeit von einzelnen Lieferanten und Regionen“, erklärt Jones. Deshalb rückten jetzt die Wegbereiter dieses Wandels nach vorn: Industrie, Maschinenbau und Energieversorger. Sie profitieren direkt von steigenden Investitionen in Infrastruktur, Energieversorgung und Verteidigung  – und es sind Branchen, in denen Europas Wirtschaft stark ist.

Aktuelle Konjunkturdaten zeigen bereits, dass die Lage besser ist als die Stimmung. Der Einkaufsmanagerindex für die Industrie der Eurozone stieg im August auf 52,7 Punkte, den höchsten Stand seit mehr als vier Jahren. Die Auftragsbücher der Unternehmen füllen sich zudem so kräftig wie seit Anfang 2022 nicht mehr. Der ifo-Geschäftsklima-Index verbesserte sich bereits den vierten Monat in Folge.

Die Wachstumsprognosen ziehen an. Die Europäische Zentralbank (EZB) erhöhte gerade ihre Wachstumsprognose für den Euroraum auf 1,4 Prozent für 2027 – von zuvor 1,2 Prozent. Die Aufwärtskorrektur spiegele vor allem die über den Erwartungen liegende Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft im Euroraum wider, so die EZB. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung erwartet für Deutschland jetzt ein mehr als doppelt so hohes Wachstum wie zuvor: 1,2 Prozent anstatt 0,5 Prozent in diesem Jahr, gefolgt von einem Prozent im kommenden Jahr. Deutschland stehe an einem Wendepunkt zu stärkerem Wachstum, kommentierte Institutspräsident Marcel Fratzscher.

Besonders gut verdienen zurzeit die Unternehmen im Energie- und Finanzsektor. „Uns gefallen vor allem Industrietitel, Banken sowie Energie- und Rohstoffwerte“, sagt Schallmayer. Auch Jones nennt diesen Sektor als Favoriten. Industrie-Titel profitieren von den hohen Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung, aber auch von Ausstrahleffekten aus dem amerikanischen Investitionszyklus rund um Künstliche Intelligenz, etwa bei der Stromübertragung. Bei den Energiekonzernen hebeln die steigenden Preise für Öl, Gas, Diesel und Heizöl die Gewinne nach oben, Banken und Versicherungen helfen die steigenden Zinsen.

Vielleicht noch bessere Chancen bieten Nebenwerte. Die Gewinne der kleineren Aktiengesellschaften entwickelten sich zuletzt genauso gut wie die der großen Standardwerte. Aber: Ihren Bewertungsabschlag aus dem Zinsschock von 2022 haben sie noch immer nicht aufgeholt. Ihre Bewertung liegt daher heute unter dem eigenen langjährigen Durchschnitt. Bessern sich die Rahmenbedingungen für Aktien insgesamt weiter, wirkt dieser Abschlag wie ein Hebel. Das gilt im Übrigen auch für den deutschen Nebenwerte-Index MDAX. Dieser ist bei den Branchen ebenfalls breiter aufgestellt als der Standardwerteindex DAX und zudem weniger von einzelnen Schwergewichten abhängig.

Der Preisbrecher

Im ETF-Geschäft tobt ein gnadenloser Preiskampf – und beim europäischen Aktienmarkt hat ihn Amundi für sich entschieden. Mit laufenden Kosten von gerade einmal 0,05 Prozent ist der schon Anfang 2019 aufgelegte Amundi Prime Europe ETF der günstigste Weg zu Investments in den breiten europäischen Markt. Die niedrigen Kosten des Amundi-ETFs ermöglicht ein Kniff: Der ETF bildet keinen der bekannten MSCI- oder Stoxx-Indizes ab, sondern einen Index des Frankfurter Anbieters Solactive. Dieser ähnelt dem MSCI-Europe-Index zum Verwechseln, kostet Amundi aber deutlich weniger Lizenzgebühren. Diesen Kostenvorteil reicht die Fondsgesellschaft an die Anleger weiter – ein Prinzip, das die Franzosen bei ihrer gesamten Prime-Serie verfolgen, von Weltaktien bis Staatsanleihen. ETFs, die den MSCI Europe Index abbilden, haben doppelt so hohe Gesamtkosten.

Im Portfolio des Prime-Europe-ETFs finden sich die gleichen Titel wie im MSCI-Europe-Index: rund 400 große und mittelgroße Unternehmen aus 15 europäischen Industrieländern, angeführt vom Chip-Ausrüster ASML, der alleine einen Anteil von fast fünf Prozent erreicht. Zu den anderen Schwergewichten zählen drei große Aktien aus der Schweiz (Roche, Novartis und Nestlé), sowie die britische Bank HSBC und der Ölkonzern Shell. Dementsprechend dominieren im Portfolio Titel aus Großbritannien (21 %) und der Schweiz (14 %). Bei den Sektoren liegen die Finanzbranche und die Industrie ganz vorne. Technologie kommt nur auf neun Prozent.

ETF-Name  Amundi Prime Europe 
ISINLU2089238039
Fondsvermögen260 Mio. Euro
laufende Kosten0,05 %
Wertentwicklung 1 Jahr/ 3 Jahre17,2 % / 49,1 %

 

Neue Zugpferde

Lange Jahre fristete dieser ETF ein Schattendasein. Während die Technologiewerte Medien und Kurstafeln beherrschten, hinkte der Xtrackers MSCI Europe Value ETF dem breiten Markt hinterher.

Value-Investoren, die auf unterbewertete Aktien setzen, übten sich in Geduld. Inzwischen zahlt sie sich aus: Seit gut einem Jahr bringt der Value-ETF deutlich mehr Rendite als ein Investment in den breiten Europa-Aktien-Index, der nach Marktkapitalisierung gewichtet. In den vergangenen zwölf Monaten legte der Xtrackers MSCI Europe Value ETF um fast 30 Prozent zu. Der MSCI Europe Index schaffte im gleichen Zeitraum weniger als 20 Prozent.

Der Indexkonstrukteur MSCI wählt die Aktien für diesen ETF nach klassische Substanzkennzahlen aus: Kurs-Buchwert-Verhältnis, Kurs-Gewinn-Verhältnis und Unternehmenswert im Verhältnis zum Cashflow. Von den rund 400 Aktien im MSCI Europe Index kommen dann nur etwa 150 in den Value-Index bzw. -ETF. Wer auf diese Substanzwerte setzt, wettet zugleich gegen die US-Tech-Dominanz: Der ETF hält noch weniger Technologieaktien als der MSCI Europe Index, dafür mehr Banken und Versicherungen sowie mehr Pharma-Konzerne. Gleichzeitig sind im Value-ETF deutsche und französische Titel mit einem Gewicht von 24 Prozent respektive 13 Prozent viel stärker vertreten als im MSCI Europe Index, der von Aktien aus Großbritannien und der Schweiz dominiert wird. Mit laufenden Kosten von 0,15 Prozent ist der Xtrackers-ETF der günstigste Weg zur anhaltenden Value-Rally.

ETF-Name Xtrackers MSCI Europe Value
ISINLU0486851024
Fondsvermögen331 Mio. Euro
laufende Kosten0,15 %
Wertentwicklung 1 Jahr/ 3 Jahre27,4 % / 76,0 %


Doppelter Hebel

Kleine Aktien  bringen langfristig mehr Rendite, sagt die Wissenschaft. In den vergangenen fünf Jahren galt das nicht – europäische Nebenwerte blieben weit hinter dem breiten Markt zurück. Jetzt blasen die Kleinen zur Aufholjagd. Besonders deutlich zeigt das der State Street SPDR MSCI Europe Small Cap Value Weighted ETF. In den vergangenen sechs Monaten hängte er locker den Gesamtmarkt (MSCI Europe) ab. Der ETF fährt einen cleveren Doppelansatz: klein und günstig. Wer in diesen ETF investiert, bekommt also gleich zwei bewährte Renditefaktoren in einem Portfolio vereint: Size und Value.

Investiert wird in Nebenwerte aus dem MSCI Europe Small Cap Index, der mehr als 800 kleinere Aktiengesellschaften aus Europa versammelt. Doch statt die Titel nach Marktkapitalisierung zu gewichten, setzt State Street bei diesem ETF auf fundamentale Kriterien: Buchwert, Cashflow, Umsatz und Gewinn bestimmen die Gewichtung. Günstig bewertete Aktien erhalten ein höheres Gewicht im Portfolio als bei einem klassischen Nebenwerte-Index. Mit mehr als 800 Positionen ist das ETF-Portfolio breit gestreut – die zehn größten Werte kommen zusammen auf weniger als zehn Prozent Gewicht. Wie in fast allen Europa-Nebenwerte-Indizes dominieren jedoch auch bei diesem ETF britische Aktien, mit 28 Prozent Anteil. Unter den Sektoren führen Industrie (27 %) und zyklischer Konsum (16 %). Eine kleinere Rolle als beim Standardwerteindex MSCI Europe spielen Finanzwerte (14 %) und Tech-Aktien (4 %).

ETF-Name SPDR MSCI Europe Small Cap Value
ISINIE00BSPLC298
Fondsvermögen790 Mio. Euro
laufende Kosten0,3 %
Wertentwicklung 1 Jahr/ 3 Jahre16,1 % / 55,8 %

 

Von Uli Kühn, Oktober 2026, © ETF Magazin

Der Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des ETF Magazins, dem Fachjournal für Profis und informierte Anleger*innen.

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Interview:''Chancen in Europa''

Es ist höchste Zeit, das Portfolio stärker zu diversifizieren, appelliert der Kapitalmarktstratege der DekaBank – und erklärt, warum europäische und deutsche Aktien wieder attraktiv sind. Uli Kühn hat mit Joachim Schallmayer gesprochen.

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