
Es ist höchste Zeit, das Portfolio stärker zu diversifizieren, appelliert der Kapitalmarktstratege der DekaBank – und erklärt, warum europäische und deutsche Aktien wieder attraktiv sind. Uli Kühn hat mit Joachim Schallmayer gesprochen.
15. Oktober 2026. MÜNCHEN (ETF-Magazin)
Jahrelang waren US-Aktien konkurrenzlos. Ist das vorbei?
Schallmayer: US-Titel sind weiterhin attraktiv, aber Anleger sollten sich jetzt breiter aufstellen. Wenige große Technologiewerte dominieren die US-Börse und auch den MSCI World Index. Das erhöht die Abhängigkeit von einem einzigen Thema: Künstliche Intelligenz. Um das Klumpenrisiko in Technologiewerten zu senken, empfehle ich deshalb innerhalb der USA breiter zu investieren und sich vor allem stärker international zu engagieren.
Also Aktien aus den Schwellenländern? Die laufen ja hervorragend.
Der MSCI Emerging Markets Index hat sich zuletzt sehr gut entwickelt, aber dafür waren vor allem wenige Aktien aus Korea und Taiwan verantwortlich. Jetzt wird der Schwellenländer-Index sogar noch stärker von wenigen Halbleiterkonzernen dominiert als der amerikanische S&P 500. Wer dorthin wechselt, holt sich das Technologierisiko also über einen Umweg zurück ins Portfolio. Als Diversifikation taugen Schwellenländeraktien deshalb im Augenblick nicht.
Welche Aktien sind besser zur Diversifikation?
Man sollte jetzt die Chancen in Europa nutzen. Die Bewertungen liegen deutlich unter dem
US-Niveau, und auch das Gewinnwachstum überzeugt: Im breiten Stoxx 600 Index stiegen die Unternehmensgewinne im zweiten Quartal um 20 Prozent, getragen vor allem von Energie- und Finanztiteln. Für das kommende Jahr erwarten wir zehn Prozent Gewinnwachstum. Für steigende Aktienkurse braucht es deshalb nicht einmal höhere Bewertungen, das Gewinnwachstum allein reicht schon für ein Kursplus von knapp zehn Prozent. Dazu kommt ein weiterer Vorteil: Der europäische Aktienmarkt ist sehr breit aufgestellt, mit Banken, Industrie, Pharma- und Energieunternehmen, ohne große Dominanz einzelner Branchen.
Welche Sektoren überzeugen besonders?
Uns gefallen vor allem Industrietitel, Banken sowie Energie- und Rohstoffwerte. Die Industrie profitiert von hohen Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung, aber auch von Ausstrahlungseffekten aus dem amerikanischen KI-Investitionszyklus, etwa bei der Stromübertragung. Banken und Versicherer liefern stetig steigende, verlässliche Gewinne. Beim zyklischen Konsum, vor allem bei Autowerten und Lebensmittelherstellern, bleiben wir dagegen zurückhaltend.
Und wie steht es um deutsche Aktien?
Die Ausgangslage für den DAX ist besser, als die Diskussion um die deutsche Wirtschaft vermuten lässt. Ein stabiler Finanzsektor trägt den Index: Versicherer wie Allianz und Munich Re liefern seit Jahren stetig steigende Gewinne. Industriewerte wie Siemens und Siemens Energy profitieren vom großen Investitionszyklus rund um Infrastruktur und Künstliche Intelligenz. Der lange belastete Softwaresektor hat seine schwierigste Phase ebenfalls hinter sich. Dazu kommt konjunktureller Rückenwind: Nach 0,9 Prozent Wirtschaftswachstum in diesem Jahr erwarten wir im kommenden Jahr 1,1 Prozent, die Wirtschaft verbessert sich also, wenn auch nur marginal. Automobilwerte bleiben dagegen belastet, ihre strukturellen Probleme lösen sich nicht innerhalb weniger Quartale. Für den DAX spielt das aber kaum noch eine Rolle: Die drei großen Autobauer bringen zusammen nur noch etwa vier Prozent Indexgewicht auf die Waage. Selbst wenn ihre Kurse kräftig fallen sollten, würde das den Index kaum noch bewegen.
Sind auch europäische Nebenwerte attraktiv?
Auf jeden Fall. Sie bieten aktuell ein noch besseres Chance-Risiko-Verhältnis als große Aktien. Ihre Gewinne entwickelten sich zuletzt genauso gut wie die der Standardwerte, doch die Nebenwerte haben den Bewertungsabschlag aus dem Zinsschock von 2022 nie aufgeholt. Ihre Bewertung liegt daher heute unter ihrem eigenen langjährigen Durchschnitt. Bessern sich die Rahmenbedingungen für Aktien insgesamt, wirkt dieser Abschlag wie ein Hebel. Das gilt im Übrigen auch für den deutschen MDAX. Er ist auch breiter aufgestellt als der DAX. Wer stärker streuen will, findet im MDAX also gleich zwei Stärken: den Bewertungsabschlag gegenüber Large Caps und die geringere Abhängigkeit von wenigen Schwergewichten.
Gehören auch Anleihen ins Portfolio?
Ja, sicher. Seit der Zinsanpassung von 2022 liefern Anleihen wieder einen ordentlichen, laufenden Kupon, nachdem sie in der Nullzinsphase zuvor ja kaum Ertrag brachten. Investmentgrade- und Hochzinsanleihen haben in den vergangenen Jahren bereits gute Erträge geliefert. Besonders Unternehmensanleihen gefallen uns weiterhin, auch aus dem Hochzinsbereich und den Schwellenländern.
Aber drohen nicht Verluste wegen steigender Zinsen und hoher Inflation?
Die Inflationserwartungen sind gut verankert. Aktuell treiben höhere Energiepreise die Teuerung. Im kommenden Jahr dürften die Inflationsraten aber wieder Richtung zwei Prozent sinken. Auch am langen Ende der Zinskurve drohen keine dauerhaften Anstiege: Die Notenbanken müssten nur eingreifen, wenn höhere Preise tatsächlich die Löhne nach oben treiben. Danach sieht es derzeit aber nicht aus. Im Euroraum bleibt ein Leitzins von 2,5 Prozent das Maximum. Die Zinsen werden im kommenden Jahr auch wieder sinken. Die Realzinsen sind weiter attraktiv genug, um die Nachfrage nach Anleihen zu sichern.
Welche Risiken müssen wir im Blick behalten?
Drei Dinge: erstens hohe Staatsdefizite, die der Markt irgendwann mit höheren Risikoaufschlägen bestraft. Zweitens geopolitische Eskalationen, wenn die rote Linie zerstörter Infrastruktur überschritten wird. Drittens ein möglicher Überinvestitionszyklus bei der KI-Infrastruktur. Dann drohen Abschreibungen, und der Kapitalmarkt könnte zwischenzeitlich enttäuscht reagieren, bevor sich die neuen Geschäftsmodelle auszahlen.
Von Uli Kühn, Oktober 2026, © ETF Magazin
Der Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des ETF Magazins, dem Fachjournal für Profis und informierte Anleger*innen.
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