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06.07.26 10:30:31

pfp Advisory: „Ein wirksames 'Programm für Aufschwung und Beschäftigung' wird vor allem die Börse erkennen"

Roger Peeters sieht im Reformpaket der Koalition zwar kleine Schritte – aber genau diese könnten für Anlegerinnen und Anleger wichtiger sein als große Ankündigungen.


6. Juli 2026. FRANKFURT (pfp Advisory). Donnerstag und Freitag notierte der deutsche Aktienmarkt freundlich, sowohl absolut als auch relativ zu anderen Börsenbarometern. Gerade Letzteres ist wichtig, denn die (moderate) Outperformance lässt sich möglicherweise dem Donnerstagvormittag vorgestellten 12-Seiter der Koalitionsspitze mit dem etwas allgemeinen Namen „Ein Programm für Aufschwung und Beschäftigung“ zuschreiben. Sollte diese These, dass hier nicht nur Korrelation, sondern auch Kausalität vorliegen zutreffen, wäre dies insofern bemerkenswert, weil das öffentliche Echo (wieder mal) von viel Kritik geprägt war: Ökonomen fanden es (zu) wenig ambitioniert, während verschiedene Lobbyisten die Streichungen wiederum (zu) schmerzhaft fanden. Die Opposition kritisierte natürlich ebenfalls massiv. 

Ich persönlich fand den Aufschlag (zur Erinnerung: bis zu verabschiedeten Gesetzen ist es noch ein weiter Weg) überwiegend positiv, wie auch schon beim kurz zuvor veröffentlichten Expertenpapier zur Reform der Rente, und das aus einem schlichten, aber wichtigen Grund: Es bewegt sich überhaupt etwas. Die Regierung beschäftigt sich nicht wie zuvor viel zu viel damit, sich gegenseitig zu desavouieren, sondern sucht die (mitunter wirklich erschreckend kleinen) gemeinsamen Nenner und bringt da Reformen zumindest moderat voran.

Man kann mit etwas „schlechtem Willen“ jede Maßnahme kritisieren: Natürlich ist die Steuerreform fast auf das ohnehin Notwendige zusammengeschrumpft. Natürlich löst das Abschaffen der telefonischen Krankschreibung nicht alleine die völlig unstrittig komplett aus dem Ruder gelaufenen Belastungen für deutsche Unternehmen durch Lohnfortzahlung und natürlich wäre es besser, unnötige Bürokratie abzuschaffen, als nur das zusätzliche Berichtswesen zu dieser Bürokratie, um drei Beispiele dafür zu nennen, was man hätte besser machen können. 

Die drei genannten Beispiele sind auch insofern interessant, als dass sie jeweils offensichtliche Kompromisse sind. Die kleine Steueranpassung bringt die scheinbar unversöhnlichen Pole der Refinanzierung eines größeren, ambitionierten Projekts (umfangreiche Erhöhungen bei „Sehr-gut-Verdienern“ vs. deutliche Streichungen von Ausgaben) zusammen. Die Verschärfung bei Krankschreibungen führt Bewahrer und Befürworter zusammen und auch beim Bürokratieabbau fanden liberale und etatistische Geister eine Schnittmenge. Wer Kompromisse finden kann und sie dann im Anschluss auch gemeinsam vertritt, ist regierungsfähig. Und wer nicht dazu fähig ist, wird über kurz oder lang scheitern.  

Insofern finde ich die moderate positive Reaktion komplett stimmig und wesentlich rationaler als die Kakophonie verschiedenster Deuter aus Politik, Medien oder in den sozialen Netzwerken. Dass es keine deutliche Rally gab wie bei der Merz’schen Ankündigung der umfangreichen Schuldenaufnahme vor einem Jahr, ist stimmig. Erstens sind die meisten Schritte zwar in die richtige Richtung, aber auch klein. Zweitens sollten Anleger und Beobachter, wie an dieser Stelle schon sehr oft geschrieben, den „deutschen Aktienmarkt“ und den Standort Deutschland nicht über Gebühr gleichsetzen. Natürlich gibt es eine Schnittmenge, die ist aber überschaubar. Die allermeisten börsennotierten „deutschen“ Konzerne verfügen über ein ausbalanciertes internationales Geschäftsmodell und haben „nur“ ihre Zentrale hier. Das macht sie unabhängiger von der unstrittigen Misere des Standorts seit locker 8 Jahren. Im Umkehrschluss partizipieren sie auch nur abgeschwächt daran, wenn hier wirklich mal Reformen greifen. 

Gleichwohl spiegelt der regionale Kapitalmarkt natürlich auch Stimmungen wider. Wenn (wie beispielsweise in 2026 Fernostasien) Regionen als Hot Spots wahrgenommen werden, in denen sich Dinge zum Guten entwickeln, fließen oft breit Anlegergelder in diese Region. Es findet also keine Würdigung der einzelnen Firmen, wohl aber der kompletten Region statt. Und Märkte sind im Kern rational und unemotional. Von daher werden die Börsen auch in Zukunft gute Indikatoren sein. Randnotiz: Mit der ebenfalls geplanten überfälligen breiteren Beteiligung der Bevölkerung an den Kapitalmärkten durch die verschiedenen Säulen der Altersvorsorge, die zunehmend auf Kapitaldeckung anstelle Umlage gehen, wird die Zahl derer, die auch auf den Aktienmarkt schauen, fast zwangsläufig steigen. Diese Reformen halte ich übrigens für sinn- und wirkungsvoll.
 

Von Roger Peeters, 6. Juli 2026, © pfp Advisory

Über den Autor

Roger Peeters ist geschäftsführender Gesellschafter der pfp Advisory GmbH. Gemeinsam mit seinem Partner Christoph Frank steuert der seit über 25 Jahren am deutschen Aktienmarkt aktive Experte den DWS Concept Platow (LU1865032954), einen 2006 aufgelegten und mehrfach ausgezeichneten Stock-Picking-Fonds, sowie den im August 2021 gestarteten pfp Advisory Aktien Mittelstand Premium (<LU2332977128>). Weitere Infos unter www.pfp-advisory.de. Peeters ist weiterhin Mitglied des Vorstands der Deutschen Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA) e.V. Roger Peeters schreibt regelmäßig für die Börse Frankfurt.

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