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13.10.26 09:10:12

OTS: STIEBEL ELTRON / China greift nach Deutschlands Wärmepumpenmarkt (FOTO)

China greift nach Deutschlands Wärmepumpenmarkt (FOTO)

Holzminden (ots) - Interview mit Dr. Kai Schiefelbein, stellvertretender

Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Wärmepumpe (BWP) e. V. und CEO von

Stiebel Eltron.

Intro

China hat mit einem "Aktionsprogramm zur hochwertigen Entwicklung der

Wärmepumpen-Industrie" eine neue Wachstumsbranche definiert. Im jüngsten 15.

Fünfjahresplan wird die Wärmepumpe als Schlüsseltechnologie für die

CO2-Reduktion ausdrücklich genannt. Der strategisch geplante Industriehochlauf

soll China zum weltweiten Technologie- und Marktführer bei umweltfreundlicher

Wärmeerzeugung machen. Deutschland ist von dieser Offensive besonders betroffen

- als größter Ziel- und Wachstumsmarkt für Heizungswärmepumpen in Europa.

Frage: Kommt Chinas neue Wirtschaftspolitik für Sie überraschend?

Dr. Kai Schiefelbein: Chinas Plan, die Weltmarktführerschaft bei Zukunfts- bzw.

Schlüsselindustrien und damit auch bei Heizungswärmepumpen anzustreben, ist

nicht neu und damit auch nicht überraschend. Wir kennen das aus der

PV-Industrie, der Batterieindustrie mit Lithium-Ionen-Batterien oder aus der

Elektromobilität, wo sich Europa noch wehrt und wo man sehen wird, wie das Ganze

ausgeht. Das Bestreben ist aber in allen Fällen ganz klar und offensichtlich,

und als Mensch, der an Geschichte interessiert ist, kann ich das auch gut

verstehen. Die Chinesen haben sich von der verlängerten Werkbank für westliche

Industrienationen zu einer erfolgreichen Wirtschaftsnation mit riesengroßem

Binnenmarkt entwickelt. Davor habe ich tiefen Respekt.

Frage: Wie geht China strategisch vor?

Dr. Kai Schiefelbein: China setzt konsequent auf Zukunftsindustrien. Sie fördern

und subventionieren ja nicht in der Breite irgendwelche Industrien aus der

Vergangenheit, sondern subventionieren die Windenergie, die Photovoltaik, die

Batteriezellenfertigung, die E-Mobilität und jetzt auch die

Wärmepumpenindustrie. Das heißt, sie setzen klar auf zukunftsfähige

Schlüsselindustrien - mit dem Ziel, Weltmarktführer zu werden. Das ist legitim

und aus meiner Sicht industriepolitisch ausgesprochen klug. Und damit stellt

sich nicht die Frage irgendwelcher moralischer Bewertungen, sondern es stellt

sich die Frage, was tun wir, um weiterhin als Europa industriell signifikant zu

sein.

FRAGE: Wie bewerten Sie die konkreten Maßnahmen im chinesischen Aktionsplan?

Dr. Kai Schiefelbein: Die Maßnahmen, die im Aktionsplan stehen, sind absolut

sinnvoll und hochgradig geeignet, um eine Weltmarktführerschaft anzustreben. Das

startet mit der Vergabe zinsgünstiger Kredite, die ganz klar angesprochen wird

und die Banken in die Pflicht nimmt. Vor allem sind das Darlehen, die nicht an

enge Covenants gekoppelt sind. Die Unternehmen müssen also nicht aufwendig eine

hohe Profitabilität nachweisen, um an das Darlehen zu kommen, und werden auch

nicht gegängelt, wenn ihnen unterwegs mal die Profitabilität temporär

abhandenkommt.

FRAGE: Wie wird mit diesen Darlehen investiert?

Dr. Kai Schiefelbein: Solche Darlehen sind natürlich geeignet, Unternehmen

schnell im Bereich Forschung und Entwicklung zu skalieren.

Entwicklungsingenieure, Entwicklungsressourcen, Labore und IT-Umgebungen -

letztendlich ist alles, was man braucht, um gut entwickeln zu können,

kostenintensiv. Entwicklungskosten entstehen aber typischerweise vorlaufend zum

Markterfolg und den daraus resultierenden Erlösen. Das lässt sich über solche

zinsgünstigen Kredite natürlich sehr gut finanzieren. Unternehmen können so in

Bezug auf ihre Kompetenz und ihr Know-how ziemlich schnell skalieren, weil sie

schlicht das dafür nötige Geld zur Verfügung haben. Der nächste Punkt ist: Ich

kann dann mit diesem Geld auch die Produktion schnell skalieren, also in

Produktionsanlagen investieren - und auch das wieder vorlaufend zum Markt.

FRAGE: Wie ist hier der Unterschied zu Europa?

Dr. Kai Schiefelbein: In Europa werden Darlehen aufgrund der Verfügbarkeit

finanzieller Mittel typischerweise nachlaufend zum Marktwachstum vergeben. Das

heißt: Der Markt zieht an, wir profitieren von erhöhtem Absatz, können aber bei

noch weiterem Wachstum schlecht liefern. In dieser Situation bekommen wir

Kredite von der Bank, können aber erst jetzt investieren und die

Produktionskapazitäten dem Marktbedarf nachfahren. Das ist in der

wettbewerblichen Auseinandersetzung ziemlich unglücklich: Was ich temporär nicht

liefern kann, liefert halt jemand anders. China hat nicht nur Zukunftsindustrien

identifiziert, sondern auch erkannt, dass es schlau ist, hier im Voraus die

Kapazitäten zu skalieren. So kann man bei einem Engpass schnell liefern und

durch diesen Vorsprung gegenüber dem Wettbewerb Marktanteile gewinnen.

FRAGE: Was kann unsere Politik von China lernen?

Dr. Kai Schiefelbein: Die Menschen, die in China einen Aktionsplan für die

Wärmepumpenindustrie schreiben, wissen, wovon sie reden. Da wurden vorher

Potentialstudien gemacht und die Ergebnisse detailliert analysiert und

entsprechende Schlüsse gezogen: Nicht nur wurden zukunftsträchtige Industrien

identifiziert, sondern es werden auch gleich sinnvolle Fördermaßnahmen benannt

und angestoßen. Wir in Europa müssen unseren teils überheblichen Blick auf China

neu justieren: Die Chinesen haben bei ihren Entscheidungen in den letzten Jahren

nicht ein einziges Mal danebengegriffen. Sie haben die PV-Industrie gefördert,

die Windenergie gefördert, die Akkuzellfertigung gefördert. Sie haben das Thema

Elektromobilität gefördert, sie haben KI-Applikationen gefördert und digitale

Massendatenanalysen oder Massendatennutzung gefördert. Jede dieser Industrien,

die die Chinesen gefördert haben, hat sich als ein enorm relevanter

Wirtschaftszweig erwiesen. Auch die Haltung, dass Planwirtschaft grundsätzlich

"böse" ist und dass alles "technologieneutral" sein muss, legt nationales

Industriepotenzial lahm. Politik, die sich nicht auf Technologien festlegt, die

keine Industriepolitik betreibt und die auf Einflussnahme verzichtet, die

verzichtet darauf, die Wirtschaft im eigenen Land leistungsfähig zu erhalten.

Wenn Politik auf dem Standpunkt steht, man könne ja gar nicht wissen, was in der

Zukunft für Technologien gefragt sind - dann versäumt Politik die notwendige

Mitgestaltung an der Industriepolitik und sabotiert die wirtschaftliche

Entwicklung des Landes.

FRAGE: Was könnte eine gezielte Industriepolitik insbesondere im Wärmemarkt in

Europa erreichen?

Dr. Kai Schiefelbein: Mit Industriepolitik gilt es zu verhindern, dass der

Massenmarkt für Wärmepumpen an die Chinesen geht. Dafür sind ein paar Maßnahmen

erforderlich. Wir brauchen als erstes mal einen starken Binnenmarkt. Wir müssen

also aufhören, von Technologieneutralität zu reden und dafür sorgen, dass es für

die Technologie, die weltweit dominieren wird, einen Binnenmarkt gibt. Jede

Nation lebt von ihrem Binnenmarkt, auch China lebt vom Binnenmarkt. Die fördern

auch immer erst zuhause - das war bei E-Autos so, bei PV, bei Windenergie und

das ist jetzt bei Wärmepumpen so. Und wenn ihre Firmen in einem starken

Heimatmarkt eine bestimmte Größe erreicht haben, dann wird die Exportwirtschaft

gefördert. Wir brauchen auch in Deutschland einen starken Binnenmarkt für die

Wärmepumpe. Dafür müssen die politischen Rahmenbedingungen stimmen, dafür müssen

die Förderungen stimmen, dafür müssen die Energiepreise stimmen.

FRAGE: Welche Weichenstellung braucht es für die Kreditvergabe zur

wettbewerbsfähigen Förderung der Industrie?

Dr. Kai Schiefelbein: Wir brauchen einen vernünftigen Zugang zu Geld.

Antizyklische Investitionen sind eine schöne Idee, in Deutschland ist das jedoch

nur möglich, wenn man zufällig steinreich ist und Geld auf der hohen Kante

liegen hat. Braucht man jedoch Geld von Banken, ist antizyklisches Investieren

nahezu unmöglich: Als Covenant bekommen Unternehmen den Nettoverschuldungsgrad

genannt, da steht das EBITDA im Nenner - und wenn der Nenner gegen 0 geht, das

wissen wir Mathematiker alle, dann wird leider der Term unendlich groß. Damit

ist der Nettoverschuldungsgrad extrem schlecht und die Bank interveniert.

Antizyklisch investieren, was eigentlich alle Experten den Unternehmen raten,

ist in Deutschland daher praktisch derzeit nicht möglich. Wir brauchen also

einen vernünftigen vereinfachten Zugang zu Geld. Und es gilt, die

Basel-2-Kriterien an aktuelle Herausforderungen anzupassen, zumindest für

Zukunftsindustrien - sonst können wir nicht wettbewerbsfähig skalieren.

FRAGE: Welche Rolle spielt die Entwicklungsförderung in diesem Szenario?

Dr. Kai Schiefelbein: Wir brauchen eine vernünftige Förderung von Entwicklung:

Nicht nur für die Forschung, sondern auch für Produkte. Die Produktentwicklung

hin zum verkaufsfertigen Industrieprodukt muss ein Stück weit subventioniert

werden. Wenn wir das als einzige Volkswirtschaft nicht tun, könnte es passieren,

dass wir außen vor bleiben. Zusätzlich brauchen wir Ausnahmetatbestände für das

Kartellrecht, so dass in Zukunftsindustrien verschiedene Unternehmen auch auf

verschiedenen Wertschöpfungsstufen besser und enger zusammenarbeiten können.

Dabei sollten Ingenieure und nicht, wie es derzeit der Fall ist, überwiegend

Juristen am Tisch sitzen. Wir brauchen darüber hinaus eine Genehmigungspraxis,

die es ermöglicht, halbwegs zeitnah eine Fabrik zu bauen, wenn man ein Produkt

fertig entwickelt hat. Im Moment ist es so, dass wir in Deutschland länger auf

eine Bau- und Nutzungsgenehmigung warten, als es in der Slowakei dauert, die

ganze Fabrik fertig auf eine Wiese zu stellen.

FRAGE: Was ist Ihr Fazit?

Dr. Kai Schiefelbein: Eins ist klar: Europa ist im Moment auf dem Weg in die

De-Industrialisierung. Wir versuchen mit unheimlich viel Aufwand, alte

Industrien, von denen eigentlich alle wissen, dass sie keine Zukunft haben, so

lange wie möglich am Laufen zu halten, und setzen viel zu wenig auf

Zukunftstechnologien. Das ist auf vielen Feldern so: bei Photovoltaik, bei

Computer-Technologie, bei Prozessoren, Mikrochips und der ganzen

Internet-Technologie. Das ist so bei Massendatenanalysen, künstlicher

Intelligenz, Lithium-Ionen-Akkus und der E-Mobilität. Das kann auch bei der

Wärmepumpe so kommen, wenn politisch weiterhin Öl- und Gaskessel als Technologie

angesehen werden, in der heimische Unternehmen stark sein müssten. Wir

verschwenden zu viel Energie darauf, den Status Quo zu erhalten - zu Lasten

einer erfolgreichen Zukunft.

Wir müssen etwas ändern und dabei den Nachweis bringen, dass Demokratie

leistungsfähig sein kann. Demokratie muss wieder lernen, gestalten zu wollen. So

bitter wie es ist: da müssen wir uns leider auch mal einzelne Maßnahmen von

autoritären Systemen abgucken, um Wettbewerbsfähigkeit und damit auch ein Stück

weit Unabhängigkeit zu sichern. Die Chinesen ziehen entsprechende Schlüsse aus

Potenzialanalysen, identifizieren Technologien, die zukunftsträchtig sind und

leiten Maßnahmen ein, so dass ihre Industrie in diesen Feldern erfolgreich sein

kann. Wir können uns als Europäer natürlich entrüstet hinstellen und sagen, dass

das gegen den freien Welthandel ist. Dann sind wir am Ende die, die Recht hatten

- aber möglicherweise eben auch die, die kaum noch eine Rolle spielen.

Pressekontakt:

STIEBEL ELTRON GMBH & CO. KG

Henning Schulz

+49 5531 70295685

mailto:henning.schulz@stiebel-eltron.de

Weiteres Material: http://presseportal.de/pm/62786/6369927

OTS: STIEBEL ELTRON

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