
Die am Freitagnachmittag gestartete Erholung am deutschen Aktienmarkt setzt sich zu Wochenbeginn weiter fort. Trotzdem bleibt das fundamentale Umfeld angespannt. Vor allem die Lage in China bereitet vielen Sorgen. Hinzu kommen neue Zinsdiskussionen in den USA. Mit Blick auf die Charttechnik dürften die kommenden Tage insbesondere für den DAX richtungsweisend werden.
21. August 2023. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Schon sehr früh am Morgen sehen sich die Anleger*innen an den Börsen zum Wochenstart mit wichtigen Nachrichten konfrontiert. Die chinesische Zentralbank hat den Zinssatz für einjährige Kredite heute Nacht um weitere 10 Basispunkte gesenkt, die Zinsen für fünfjährige Kredite jedoch unverändert gelassen. Im Juni waren noch beide Sätze nach unten genommen worden. Auch diesmal war im Konsens jeweils mit einer Senkung (sogar um 15 Basispunkte) gerechnet worden.
Hintergrund der Eingriffe sind die wirtschaftlichen Probleme in China. „Dort deutet sich eine erhebliche Abschwächung der Konjunktur an, wozu die bereits länger schwelende Immobilienkrise aktuelle Belege liefert“, heißt es bei der Commerzbank, die vor diesem Hintergrund „dämpfende Auswirkungen auch für die Weltkonjunktur“ befürchtet. In Kombination mit fallenden Produzentenpreisen würden sich für China Deflationssorgen breit machen. Auch das kriselnde chinesische Schattenbankensystem wird mit Sorge betrachtet.
US-Notenbank nach Zinsanstieg im Fokus
Mit großer Spannung wird zudem das am Donnerstag startende Symposium der US-Notenbank in Jackson Hole erwartet. Das steht in diesem Jahr unter dem Motto „Strukturelle Veränderungen in der Weltwirtschaft“. Nach Ansicht der Deka geht es dabei vor allem um die Auswirkungen auf den längeren Inflationsausblick: „Während sich viele Zentralbanken vor der Corona-Krise bemühen mussten, ihr Inflationsziel nicht auf der unteren Seite zu verfehlen, könnte nun die Bekämpfung zu hoher Inflationsraten im Vordergrund stehen“.
Die Aussagen der verschiedenen Zentralbanker sind aber auch kurzfristig von großer Bedeutung, nachdem die starken Wirtschaftsdaten in den USA die Renditen von Staatsanleihen vergangene Woche auf ein neues Jahrzehnthoch getrieben hatten. „Alle Augen werden darauf gerichtet sein, wie die Fed-Vertreter im Vorfeld der Sitzung am 20. September auf die Stärke der Wirtschaft und mögliche Inflationsrisiken reagieren“, schreibt die Deutsche Bank. Nach Ansicht der Commerzbank steigt bei anhaltend guten Konjunkturdaten und einer sich verfestigenden Inflation die Wahrscheinlichkeit für eine weitere US-Leitzinserhöhung.
Steigende Kurse in den ersten Handelsminuten
Mit diesem Wissen im Gepäck geht es beim DAX am Montagmorgen kurz nach der Xetra-Eröffnung erst mal recht steil nach oben. Um 9:15 Uhr notiert er bei 15.640 Punkten, nachdem er am Freitag bei 15.574 Punkten geschlossen hatte. Im Tief war der deutsche Leitindex zum Wochenschluss sogar unter 15.470 Punkte gefallen und hatte damit fast das im Juli markierte Korrekturtief erreicht. Die Vorgaben aus Asien sind gemischt. Während der japanische Nikkei 225 um 0,6 Prozent zulegen konnte, rutschten der Shanghai Composite in China um 0,4 Prozent ins Minus und der Hang Seng in Hongkong startete mit einem Verlust von 1,4 Prozent in die neue Woche. Die großen US-Indizes S&P 500 und Nasdaq 100 hatten am Freitag nach dem Test wichtiger charttechnischer Unterstützungen nahezu unverändert geschlossen.
Eine mögliche Unterstützung kommt zum Wochenstart von Seiten der deutschen Erzeugerpreise, die heute bereits um 8:00 Uhr veröffentlicht wurden. Die sind im Juli mit 1,1 Prozent ggü. dem Vormonat bzw. 6,0 Prozent ggü. Vorjahr deutlich stärker gesunken als Volkswirte das erwartet hatten.
Datenseitig folgen u.a. am Mittwoch die vorläufigen Einkaufsmanagerindizes für die wichtigsten Volkswirtschaften. Laut Deka zeigen die Frühindikatoren für das dritte Quartal in der Eurozone keine Belebung der wirtschaftlichen Aktivität an. Das dürfte auch der vorläufige Wert für den Einkaufsmanagerindex im August zum Ausdruck bringen. Vor allem die Industrie leide nicht zuletzt unter einer Auftragsschwäche aus dem Ausland.
Auch die Commerzbank rechnet – besonders ausgeprägt in Deutschland – mit einer Fortsetzung der zuvor gesehenen Schwäche. Mit Auswirkungen auch auf die Börsenkurse: „Dieses Umfeld dürfte die zuletzt eingetrübte Stimmung der Finanzmärkte kaum aufhellen.
Enttäuschungen bei DAX-Unternehmen und Warten auf Nvidia
Bei den noch anstehenden Quartalszahlen der Unternehmen sind alle Augen auf die Ergebnisse des KI-Lieblings Nvidia am Mittwoch nach US-Börsenschluss gerichtet. Die Aktie ist in den vergangenen Wochen dank starker Nachfrage nach KI-Chips förmlich durch die Decke gegangen.
Beim DAX hat die gerade ausgelaufenen Berichtssaison nach Berechnungen der LBBW „mehr Schatten als Licht“ gezeigt. Per Saldo standen demnach 16 positive Überraschungen zehn negativen Überraschungen gegenüber. „Die zwölf Quartale währende Serie an überdurchschnittlich vielen Positivausreißern ist damit beendet“.
Auch für die Zukunft zeigen sich die Analysten wenig optimistisch. Weil die DAX-Gewinne für 2024 seit Mitte Juni nur sehr moderat nach unten korrigiert wurden, wird im Konsens immer noch mit einem jährlichen Zuwachs von knapp 8 Prozent gerechnet. Das könnte sich nach Ansicht der LBBW angesichts einer schwächelnden Konjunktur als zu optimistisch herausstellen. Bis Ende September rechnen die Analysten mit einem weiteren Abrutschen es DAX auf 14.500 Punkte, bevor es dann bis zum Jahresschluss wieder auf 16.000 Punkte hochgehen soll.
Eine Schlüsselmarke für den DAX
Ähnlich äußert sich auch Hans-Jürgen Haack zu den Aktienmärkten. „Saisonal typisch wäre nun eine Verlängerung der Schwächephase bis in den Oktober hinein“, schreibt der Chefanalyst bei den Haack Börsenbriefen. Langfristig orientierte Buy-and-hold-Anleger würden demnach in Kürze „tolle Einstiegsgelegenheiten“ bekommen. Kurzfristig befindet sich der DAX nach Ansicht von Charttechnikern in einem sehr wichtigen Bereich.
Jörg Scherer von HSBC hebt die „Schlüsselmarke“ von 15.456 Punkten hervor. Darunter würde die jüngste Seitwärtsphase in eine Topformation umschlagen. „Bei einer negativen Weichenstellung eröffnet sich ein kalkulatorisches Abschlagspotenzial von rund 1.000 Punkten“, warnt der Charttechniker.
Scherer ist um 12 Uhr am heutigen Montag zu Gast bei einer Online-Session und gibt ein charttechnisches Update.

Scherer
Wichtige Konjunktur- und Wirtschaftstermine der Woche
Dienstag, 22. August
16.00 Uhr. USA: Verkäufe bestehender Häuser. Volkswirte erwarten einen leichten Rückgang von 4,16 Mio. auf 4,15 Mio. Häuser im Juni. Bei der Deutschen Bank ist man mit nur 4,05 Mio. etwas skeptischer, bei der LBBW mit 4,20 Mio. leicht optimistischer.
Mittwoch, 23. August
10.00 Uhr. Eurozone:Einkaufsmanagerindizes. Eine spürbare Belebung der Wirtschaft ist nicht in Sicht. Beim Gesamtindex (zuletzt: 48,6) wird erneut ein Wert von unter 50 Punkten erwartet. Vor allem beim Teilindex für das verarbeitende Gewerbe fürchten Analysten unverändert schwache Werte (zuletzt: 42,7)
16.00 Uhr. USA: Verkäufe neuer Häuser: Hier wird mit einem leichten Anstieg von 697.000 auf 700.000 bis 707.000 Häuser gerechnet.
Donnerstag, 24. August
14.30 Uhr. USA: Aufträge für langlebige Wirtschaftsgüter im Juli. Volkswirte gehen davon aus, dass sich die Auftragseingänge im Juli um ca. 4,5 Prozent gesunken sind, nachdem sie im Juni noch um 4,6 Prozent gestiegen waren.
Start des Fed-Symposium in Jackson Hole(bis 26. August). Mit großem Interesse werden die Marktteilnehmer den Reden diverser Zentralbanker lauschen
Freitag, 25. August
8:00 Uhr. Deutschland: BIP Q2. Keine großen Sprünge bei der deutschen Wirtschaft. Im zweiten Quartal droht laut Schätzungen maximal ein Nullwachstum.
10:00 Uhr. Deutschland: ifo Geschäftsklimaindex. Die Deka erwartet einen leichten Rückgang von 87,3 auf 86,6 (Konsens: 86,8) Punkte. Im Fokus steht vor allem eine mögliche Stabilisierung der Geschäftserwartungen.
von: Thomas Koch, 21. August 2023, © Deutsche Börse AG
Thomas Koch ist CEFA-Investmentanalyst, Investmentspezialist für strukturierte Produkte und geprüfter Zertifikateberater. Seit Anfang 2006 beschäftigt er sich als freier Journalist mit dem Geschehen an den Kapitalmärkten.
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